Formel 4 Deutschland: Geschichte, Champions, Kosten & Comeback 2027
Der Übergang vom professionellen Kartsport in den Automobilrennsport markiert für junge Piloten die entscheidende Phase ihrer Karriere. Seit der Einführung der weltweiten Formel-4-Kategorie durch den Automobil-Weltverband FIA im Jahr 2014 gilt die Klasse als das primäre Sprungbrett in den Formelsport. Sie schließt die Lücke zwischen dem Kartsport und internationalen Nachwuchsklassen wie der Formel 3 und Formel 2. Auch in Deutschland blickt diese Kategorie auf eine fundierte Historie zurück, ehe sie nach der Saison 2022 vorübergehend eingestellt wurde.
Ab 2027 steht der Formelsport in Deutschland vor seinem offiziellen Neuanfang. MotorsportMarkt.de bietet einen umfassenden Überblick über die Entwicklung, die Hintergründe der Einstellung, das geplante Comeback sowie Technik, Kosten, Rennformate und Karrierewege der deutschen Formel 4.
Die Geschichte der Formel 4 in Deutschland
Die Tradition der Nachwuchs-Formelserien in Deutschland reicht weit zurück. Bevor der Automobil-Weltverband FIA zur Saison 2014 mit der Formel 4 ein globales Technisches Reglement und einheitliche Rahmenbedingungen schaffte, diente im deutschen Raum vor allem das ADAC Formel Masters (2008 bis 2014) als Kaderschmiede für den Monoposto-Sport. Zuvor gab es beispielsweise die Formel BMW, die deutsche Formel-3-Serie sowie Formel König und Formel V für den Umstieg von den deutschen Kartserien in den Automobilsport.
Die ADAC Formel 4 von 2015 bis 2022
Im Jahr 2015 feierte die ADAC Formel 4 ihre Premiere auf den Rennstrecken in Deutschland und dem angrenzenden Ausland. In den ersten Jahren erlebte die Serie einen enormen Zuspruch: Ein Rennwochenende umfasste in der Regel drei Wertungsläufe, bei meist sieben bis acht Veranstaltungen pro Jahr. Das bedeutete für die Fahrer eine hohe Ausbeute von 21 bis 24 Saisonrennen. Die Meisterschaft galt schnell als eine der stärksten Formel-4-Kategorien Europas und zog etablierte internationale Nachwuchsteams wie Prema Racing oder Van Amersfoort Racing an.
Mit der Umstellung auf das sicherheitstechnisch weiterentwickelte "Gen2"-Fahrzeug im Jahr 2022 stiegen jedoch die Anschaffungs- und Einsatzkosten für die Teams drastisch an. Gleichzeitig etablierten sich im europäischen Ausland konkurrierende Meisterschaften, allen voran die italienische und die spanische Formel 4, die durch niedrigere Nenngelder oder flexiblere Testmöglichkeiten noch größere Starterfelder anlockten.
Das führte wiederum zu einer schleichenden Abwanderung der Teams aus Deutschland. Während bei den Rennevents der ersten Jahre nicht selten über 30 Fahrzeuge im Feld standen, spitzte sich die Situation Ende 2022 drastisch zu: Beim Saisonfinale der ADAC Formel 4 Mitte Oktober 2022 am Nürburgring traten lediglich noch elf Fahrer an. Zum Vergleich: Beim Saisonabschluss der italienischen Formel 4 in Mugello am darauffolgenden Wochenende umfasste das Feld insgesamt 41 Fahrzeuge.
Parallel dazu verhandelte der ADAC im Spätherbst 2022 über die Übernahme der DTM-Markenrechte, die am 2. Dezember 2022 vollzogen wurde. Durch die organisatorische Neuausrichtung und die mangelnde wirtschaftliche sowie sportliche Basis verkündete der Automlbil-Club am 3. Dezember 2022, dass die ADAC Formel 4 für die Saison 2023 nicht mehr ausgeschrieben wird. Der ADAC baute die Nachwuchsförderung im Formelsport um und unterstützte fortan zwei Talente in der französischen Formel 4. Die deutsche Formel 4 war damit vorerst verschwunden.
Das Comeback der F4 Germany ab 2027
Nach mehrjähriger Pause kehrt die Formel 4 allerdings auf deutschen Boden zurück: Unter dem Namen F4 Germany feiert die Meisterschaft in der Saison 2027 ihre Wiederbelebung. Die Promotion und Organisation übernimmt Gedlich Racing, die sich in den vergangenen Jahren im Nachwuchssport bereits mit der Ausrichtung der Formula Winter Series in Spanien und Portugal einen Namen gemacht haben. Die Serie wird in enger Abstimmung mit dem Deutschen Motor Sport Bund (DMSB) durchgeführt und genießt die offizielle Zertifizierung durch die FIA.
Die jungen Talente erhalten damit nicht nur ein professionelles Umfeld, sondern können auch schon offizielle Zähler für die Erlangung der sogenannten Superlizenz sammeln, die notwendig sind, wenn man Formel-1-Fahrer werden möchte. Um eine hohe Reichweite zu gewährleisten, wird die Rennserie primär auf der prominenten Plattform der DTM sowie im Rahmen des ADAC Racing Weekends ausgetragen.
Rennformat der deutschen Formel 4: So laufen die Wochenenden ab
Das sportliche Format der Formel 4 richtet sich streng nach den Standards des Automobil-Weltverbands, um den Fahrern einen nahtlosen Übergang in höhere Formel-Klassen zu ermöglichen. Ein Rennwochenende verlangt den Piloten sowohl auf eine einzelne schnelle Runde im Zeittraining als auch über die Renndistanz maximale Präzision ab.
Die Saison 2027 ist auf insgesamt sieben Rennveranstaltungen ausgelegt. Mit je drei Wertungsläufen pro Event absolvieren die Fahrerinnen und Fahrer insgesamt also 21 Saisonrennen. Der typische Ablauf eines Rennwochenendes gliedert sich wie folgt:
Freies Training: In der Regel zwei Sitzungen zur Abstimmung des Fahrzeugs und zum Streckenstudium.
Qualifying 1 & 2: zwei getrennte Zeittrainings.
Rennen 1, 2 & 2: Rennen über 30 Minuten plus eine Runde.
Zusätzlich zum klassischen Rennwochenende gibt es vor der Saison noch gemeinsame Testfahrten zur Vorbereitung sowie offizielle Testtage, die rund zwei Wochen vor dem jeweiligen Event auf der gleichen Strecke stattfinden. Je nach Veranstaltung haben die Teams und Fahrer auch am Donnerstag vor dem Rennen noch die Möglichkeit zum Testen. Um die Kosten in der Formel 4 möglichst gering zu halten, können die Testmöglichkeiten begrenzt werden. In der F4 Germany sind in der Saison 2027 maximal 20 Testtage erlaubt.
Von Dienst bis Antonelli: die bisherigen Meister der deutschen Formel 4
| Übersicht: Meister der deutschen Formel 4 | |
|---|---|
| Saison 2015: | Marvin Dienst (Deutschland) – HTP Junior Team |
| Saison 2016: | Joey Mawson (Australien) – Van Amersfoort Racing |
| Saison 2017: | Jüri Vips (Estland) – Prema Powerteam |
| Saison 2018: | Lirim Zendeli (Deutschland) – US Racing |
| Saison 2019: | Théo Pourchaire (Frankreich) – US Racing |
| Saison 2020: | Jonny Edgar (Großbritannien) – Van Amersfoort Racing |
| Saison 2021: | Oliver Bearman (Großbritannien) – Van Amersfoort Racing |
| Saison 2022: | Andrea Kimi Antonelli (Italien) – Prema Racing |
Die Liste der bisherigen Titelträger in der deutschen Formel-4-Meisterschaft verdeutlicht die Qualität des Teilnehmerfeldes: nicht wenige Piloten nutzten die Serie als Sprungbrett für eine internationale Profikarriere, die nicht selten bis zur Formel 1 gereicht hat. 2016 beendet Mick Schumacher die Saison als Vizechampion. Im Jahr 2019 belegte Arthur Leclerc, der jüngere Bruder von Ferrari-Pilot Charles Leclerc, den dritten Gesamtrang. Mit Oliver Bearman (Champion 2021) und Kimi Antonelli (Champion 2022) habne zwei ehemalige Meister der deutschen Formel-4-Serie sogar den Weg in die Formel 1 fanden.
Technik und Spezifikationen der Formel-4-Boliden
Um Chancengleichheit zu garantieren und Kosten im Rahmen zu halten, ist die Formel 4 als Einheitsklasse reglementiert. Sämtliche Teams nutzen identisches Material, weshalb das fahrerische Können und das Setup des Fahrzeugs über den Erfolg entscheiden. Formel 4 ist allerdings nicht gleich Formel 4, denn es gibt verschiedene Chassis-Hersteller sowie unterschiedliche Vorgaben bzgl. Motoren und Reifen. In den meisten Serien (auch in Deutschland) kommt der Bolide von Tatuus zum Einsatz, in anderen Serien beispielsweise die Formelautos von Mygale oder Dome.
Die neue F4 Germany setzt auf das aktuelle FIA-Gen2-Reglement, mit dem Chassis des italienischen Herstellers Tatuus, das aus Carbon gefertigt ist. Angetrieben werden die Boliden von einem 1,4-Liter-Turbomotor von Autotecnica Motori, der eine Leistung von rund 160 bis 180 PS entwickelt. Bei einem Fahrzeug-Mindestgewicht von etwa 600 Kilogramm (inklusive Fahrer und Flüssigkeiten) erreichen die Rennwagen ein beeindruckendes Leistungsgewicht.
| Technische Daten: Formel 4 Bolide (Tatuus F4-T421) | |
|---|---|
| Fahrzeugtyp: | Formel-Rennwagen (Monoposto) nach FIA Formel 4 Reglement |
| Baujahr / Gen: | seit 2022 (Gen2) |
| Chassis: | Tatuus F4-T421 Carbon-Monocoque mit Halo-System |
| Rennklasse: | FIA Formel 4 |
| Motor | |
| Bauart: | Autotecnica Motori 1,4-Liter-Vierzylinder-Turbomotor |
| Hubraum: | 1.368 ccm |
| Leistung: | ca. 180 PS / 132 kW |
| Drehmoment: | ca. 250 Nm |
| Elektronik: | Magneti Marelli Motorsport-Elektronik & Datenlogging |
| Antriebsart: | Heckantrieb |
| Getriebe: | sequenzielles SADEV 6-Gang-Renngetriebe mit Wippenschaltung |
| Abmessungen & Gewicht | |
| Länge: | ca. 4.510 mm |
| Breite: | max. 1.750 mm |
| Höhe: | ca. 950 mm |
| Radstand: | ca. 2.750 mm |
| Gewicht: | rund 600 Kilogramm (Mindestgewicht inkl. Fahrer) |
Für die passive Sicherheit ist das obligatorisch vorgeschriebene Halo-System oberhalb des Cockpits zuständig. Die aus Titan gefertigte Schutzstruktur soll den Kopf des Fahrers insbesondere bei einem Aufprall oder herumfliegenden Fahrzeugteilen bestmöglich schützen. Für die mechanische Traktion sorgen Einheits-Slickreifen von Pirelli, deren Anzahl aus Kostengründen auf drei Sätze pro Rennwochenende begrenzt sind. Die Bremsanlage wird vom Einheitsausrüster TM bereitgestellt und ist damit für alle Fahrzeuge spezifikationsgleich ausgelegt.
Formula 4 Germany: Rennkalender für die Saison 2027
Durch die Einbindung in das Programm der DTM nutzt die F4 Germany renommierte Strecken in Deutschland und dem benachbarten Ausland. Der geplante Kalender für 2027 umfasst folgende Kurse:
Motorsport Arena Oschersleben: Technisch anspruchsvoller Kurs.
Norisring: Der traditionsreiche Stadtkurs in Nürnberg.
Nürburgring: Variante der Grand-Prix-Strecke in der Eifel.
Sachsenring: Anspruchsvolles Layout mit Höhenunterschieden.
Hockenheimring: Klassischer Highspeed-Kurs in Baden-Württemberg.
Red Bull Ring (Österreich): Schnelle Berg-und-Tal-Bahn in der Steiermark.
Formel 4: Budgets, Kosten und das 500.000 Euro "Preisgold"
Der Einsatz in einer professionellen Formel-4-Meisterschaft erfordert erhebliche finanzielle Mittel. Die Kosten für eine komplette Saison liegen je nach Team, Umfang der privaten Testtage, Ersatzteilverschleiß sowie meist unvermeidlichen Rennunfällen im Bereich von 350.000 bis 500.000 Euro. Dieser Betrag deckt Nenngelder, Mechaniker, Ingenieure, Reifen, Logistik und Datenauswertung ab. Ohne Sponsoren im Motorsport dreht sich meist kein Rad.
Um jungen Fahrern den Einstieg und die Refinanzierung zu erleichtern, führt der Promotor Gedlich Racing ab der Saison 2027 eine Besonderheit ein: Das sogenannte "Preisgold" im Gesamtwert von 500.000 Euro. Dieses Preisgeld wird von einem Partner für nachhaltiges Gold zur Verfügung gestellt und leistungsorientiert an die bestplatzierten Piloten ausgeschüttet. Die Fördergelder sind gezielt dafür vorgesehen, den Fahrern den finanziellen Schritt in die nächsthöhere Kategorie zu ermöglichen. Davon profitieren beispielsweise der Champion, der beste Rookie und die beste Dame im Feld.
Karrierewege im Motorsport: Wie geht es nach der Formel 4 weiter?
Die Formel 4 bildet das Fundament der professionellen Automobilsport-Pyramide, beginnend nach dem Aufstieg aus dem Kartsport. Für die jungen Piloten stellt sich nach ein bis zwei Jahren in der F4 deshalb die Frage, welcher Weg für die weitere Karriere eingeschlagen wird. Grundsätzlich lassen sich zwei Hauptpfade unterscheiden: der weitere Weg im Formelsport, mit dem großen Ziel eines Starts in der Königsklasse, oder der Wechsel in den Tourenwagen- und GT-Sport.

Formel-1-Pilot Kimi Antonelli hat 2022 die Formel 4 Deutschland gewonnen | ADAC Motorsport
Wer die Formel-Pyramide der FIA weiter erklimmt, nutzt als entscheidendes Bindeglied zunächst die Formula Regional (beispielsweise die FRECA). Hier erlernen die Nachwuchstalente mit rund 270 PS starken Boliden komplexere Aerodynamik und höheren Kurvenspeed. Darauf aufbauend folgen die internationalen Serien FIA Formel 3 und FIA Formel 2, die direkt im Rahmenprogramm der Formel 1 ausgetragen werden. Wer sich in diesen hart umkämpften Einheitsklassen mit bis zu 620 PS starken Fahrzeugen durchsetzt und ausreichend Punkte für die FIA-Superlizenz sammelt, empfiehlt sich für ein Cockpit in der Königsklasse.
Weil die Plätze in der Formel 1 extrem begrenzt sind und die Kosten für die meisten Talente nicht tragbar sind, ist auch eine professionelle Laufbahn im GT- und Prototypensport möglich. Die in der Formel 4 erworbene Grundausbildung bietet hierfür ebenfalls ein hervorragendes Fundament. Viele Absolventen wechseln beispielsweise in den GT3-Sport, etwa die DTM oder die GT World Challenge. Denkbar ist allerdings auch der sprung in die LMDh- und Hypercar-Klassen der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) und 24 Stunden von Le Mans, für die Automobilhersteller gezielt nach technisch versierten Formel-Junioren suchen.
Darüber hinaus stehen professionellen Formelsportlern etablierte internationale Serien außerhalb des Formel-1-Zirkus offen: Die vollelektrische Formel E bietet als weltweite Herstellermeisterschaft hochklassige Werksengagements, während die US-amerikanische IndyCar-Serie eine beliebte und renommierte Alternative für Formel-Talente darstellt, die eine Profikarriere auf höchstem Niveau im Monoposto anstreben.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Formel 4 in Deutschland
Ab welchem Alter ist der Einstieg in die Formel 4 möglich?
Das offizielle Reglement der FIA schreibt ein Mindestalter von 15 Jahren vor. Fahrer dürfen ab ihrem 15. Geburtstag an offiziellen Rennwochenenden der Formel 4 teilnehmen.
Welche Rennlizenz wird für die F4 Germany benötigt?
Alle Piloten müssen im Besitz einer internationalen Rennlizenz ein, beginnend mit der D-Lizenz als kleinste Stufe. Diese wird nach Nachweis entsprechender Erfolge im Kartsport oder absolvierten Sichtungslehrgängen erteilt.
Gibt es in der Formel 4 Punkte für die Formel-1-Superlizenz?
Ja, von der FIA zertifizierte nationale Formel-4-Meisterschaften vergeben Superlizenz-Punkte. Der Gesamtsieger der Meisterschaft erhält in der Regel 12 Punkte für die Formel-1-Lizenz, abgestuft bekommen die besten sieben Fahrer der Endwertung Zähler.
Dürfen Fahrer in mehreren Formel-4-Serien gleichzeitig starten?
Ja, das ist gängige Praxis. Viele Nachwuchsfahrer kombinieren zwei nationale Meisterschaften (beispielsweise F4 Deutschland und F4 Italien) oder nutzen Winterserien wie die Formula Winter Series, um im Verlauf eines Kalenderjahres maximale Fahrpraxis und Kilometer zu sammeln.
Dürfen internationale Piloten in der F4 Germany an den Start gehen?
Ja, die Meisterschaft ist international ausgeschrieben. Fahrer aller Nationalitäten können sich einschreiben und um Punkte sowie das Preisgeld kämpfen. Die Serie ist nicht auf deutsche Piloten begrenzt.
Wie schnell fährt ein Formel-4-Auto?
Je nach Aerodynamik-Einstellung und Übersetzungsverhältnis erreichen die Formel-4-Boliden eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 240 bis 250 km/h. Die Hauptcharakteristik liegt jedoch in den hohen Kurvengeschwindigkeiten, die durch den aerodynamischen Anpressdruck erzielt werden.
Wie unterscheidet sich die Formel 4 von einer Formel 3?
Ein Formel-3-Fahrzeug ist deutlich leistungsstärker (ca. 380 PS gegenüber ca. 180 PS in der F4), generiert spürbar mehr aerodynamischen Anpressdruck und verlangt komplexere Abstimmungsarbeit. Zudem liegen die Einsatzkosten in der Formel 3 mit bis zu zwei Millionen Euro pro Saison um ein Vielfaches höher als in der Formel 4.
Bilder: ADAC Motorsport