Der Ort, an dem Niki Lauda vor 50 Jahren der Feuerhölle entkam
Nur das Vogelgezwitscher bricht die Stille. Ein sanfter Wind streicht über die Blätter der Eifelbäume, die Sonne brennt auf den dunklen Asphalt der legendären Nordschleife, die weltweit als „Grüne Hölle“ bekannt ist. Es ist eine friedliche, fast gespenstische Ruhe am Nürburgring, wo sonst die Motoren der Rennwagen dröhnen. Und es ist 50 Jahre her, dass exakt hier, an Streckenkilometer zehn, einer der schlimmsten Unfälle der Formel 1 passierte.
Es ist der 1. August 1976 beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring. In der zweiten Runde des Rennens rast der damals 27-jährige Niki Lauda mit seinem Ferrari an dieser Stelle in die Felswand. Sein Auto geht direkt in Flammen auf und Lauda zieht sich schwerste Verbrennungen zu, die ihn für den Rest seines Lebens zeichnen werden.
Der Tag, an dem der amtierende Formel-1-Weltmeister dem Feuertod nur knapp entrinnt, beginnt mit Regen und düsteren Vorahnungen. Schon im Vorfeld des Rennens hat Lauda versucht, die anderen Fahrer zu einem Boykott der ohnehin gefürchteten Nordschleife zu bewegen. Vergeblich. Das Risiko der Strecke, schon damals längst von der rasanten technischen Entwicklung der Boliden überholt worden ist, wird von der Mehrheit der Piloten verdrängt. Der Große Preis von Deutschland 1976 findet statt.
Unfallursache offiziell nie bekanntgegeben, aber ...
Grotesk: Kurz vor dem Start des Rennens bittet ein Fan Lauda um ein Autogramm. Er besteht ausdrücklich darauf, dass der Österreicher das Tagesdatum notiert, schließlich könne es seine letzte Unterschrift sein. Nur wenige Stunden später kommt es zum Feuerdrama, das viele Erinnerungen Laudas an diesen Tag und den genauen Ablauf des Unfalls aus seinem Gedächtnis löscht. Es passiert in der zweiten Runde des Rennens, kurz nachdem der Ferrari-Pilot von Regen- auf Trockenreifen gewechselt hat.
Zwar wird die Ursache des Unfalls offiziell nie abschließend geklärt, doch Lauda selbst spricht mehrfach von einem Defekt an der Hinterradaufhängung, der ihm zum Verhängnis wird. Das rechte Hinterrad knickt ein, der Ferrari bricht aus und schlägt mit voller Wucht in die Felswand ein. Der Wagen fängt sofort Feuer. Zwar gibt es an diesem Streckenabschnitt damals keine TV-Kameras, doch Amateurfilmer halten den Moment des Unfalls und die bangen Sekunden nach dem Aufprall auf Super-8-Film fest.
Konkurrenten wie der Deutsche Hans-Joachim Stuck und Arturo Merzario eilen als Erste zum lichterloh brennenden Wrack. Merzario kämpft verzweifelt mit den Gurten und braucht wegen der extremen Hitze insgesamt drei Anläufe, um Lauda zu befreien. Der Ferrari ist vom Aufprall so stark verformt, dass die Gurte gespannt sind. Erst als der Österreicher das Bewusstsein verliert und sein Körper erschlafft, lässt sich das rettende Gurtschloss öffnen. Der Italiener zieht Lauda aus dem Wrack und legt ihn auf die Wiese.
Niki Lauda verliert beim Feuerunfall seinen schützenden Helm
Dass sich Lauda starke Verbrennungen im Gesicht zuzieht, hat einen dramatischen Grund: Beim Unfall wird ihm der Helm vom Kopf gerissen, sodass der Österreicher den Flammen schutzlos ausgeliefert ist. Der deutsche Rennfahrer Stuck wird in diesen Minuten zu einem weiteren Helden der tragischen Geschichte. Er weist die Rettungskräfte an, entgegen der eigentlichen Fahrtrichtung zur nahegelegenen Ausfahrt Breidscheid zu fahren. Eine goldrichtige Entscheidung, die Lauda eine minutenlange, qualvolle Fahrt im Krankenwagen über die holprige Strecke erspart.
Was dann folgt, ist ein medizinisches Wunder und das Zeugnis eines unerschütterlichen Willens. Lauda, der ins Koma fällt und im Krankenhaus so schwer um sein Leben ringt, dass er bereits die Krankensalbung erhält, weigert sich aufzugeben. Sein Ehrgeiz brennt heißer als das Feuer vom Nürburgring: Nur 42 Tage nach dem Unfall zwängt sich der Österreicher beim Großen Preis von Italien in Monza wieder in sein Cockpit und rast sensationell auf den vierten Platz.
Um die noch blutigen Verbände zu fixieren und sich vor den starrenden Blicken der Öffentlichkeit zu schützen, setzt ihm sein damaliger Physiotherapeut eine Kappe auf. Das rote „Kapperl“, wie Lauda selbst immer sagt, wird zu seinem weltberühmten Markenzeichen – und zu einem Symbol für seinen puren Überlebenswillen. Doch das fehlende Ohr und die schweren Narben zeichnen sein Gesicht für den Rest seines Lebens.
Niki Lauda verpasst Titelverteidigung im Jahr des Unfalls
Die Titelverteidigung im Jahr seines Unfalls verpasst Lauda knapp, weil er seinen Ferrari beim verregneten Saisonfinale in Fuji freiwillig abstellt. Doch in den Folgejahren holt der Österreicher noch zwei weitere Weltmeistertitel in der Formel 1, womit er sich endgültig zur Legende macht. Am 20. Mai 2019 stirbt Niki Lauda im Alter von 70 Jahren an den Nachwirkungen einer schweren Lungentransplantation und langjährigen gesundheitlichen Problemen, die maßgeblich auf die Spätfolgen seines Feuerunfalls von 1976 zurückgehen.
Wo heute sanftes Vogelgezwitscher über den mittlerweile als „Lauda-Knick“ bekannten Abschnitt der Nordschleife weht, erinnert physisch nichts mehr an das Höllenfeuer vor genau 50 Jahren. Die Brandspuren sind längst verschwunden, doch die Aura jenes 1. Augusts 1976 bleibt bis heute ungebrochen. Es ist und bleibt der Ort, an dem der Mythos des roten Kapperls seinen Anfang nahm und ein Mann bewies, dass man der Hölle mit einem eisernen Willen entkommen kann.
Bild: Sönke Brederlow